Die unabhängigen westlichen Medien

Die moderne Berichterstattung hat einige Vorteile: Man ist schnell am Ort des Geschehens und in der Lage, für das Publikum interessante Informationen schnell weiterzugeben. Aber die Schnelligkeit geht auch auf Kosten der Hintergrundinformation. Die Ukraine-Berichterstattung kann allgemein als Beispiel gelten.

Gemeinhin gelten dramatische und spannende Informationen für das Publikum als interesssant, zum Beispiel die Belagerung von Sloviansk oder der Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa. Immer noch ist nicht klar, was genau passiert ist – aber dies wird aus den Medienberichten nicht deutlich (dieser Artikel zum Beispiel stützt sich auf die Aussagen der Leute im Haus), und allgemein werden die proukrainischen Demonstranten für den Brand im Haus verantwortlich gemacht.

Dazu ist in der Ost-Berichterstattung eine negative Berichterstattung recht verbreitet (Bürgerkrieg in Donetsk und Luhansk, das Land steht vor dem Kollaps etc.). Fast aussichtslos, einen Beitrag zu finden, der auch die Erfolge der ukrainischen Regierungsorgane den russischen Einnahmeversuchen gegenüber herausstreicht.

Es geht vor allem um die Tatsache, dass es doch gelungen ist, separatistische Bewegungen und grössere Unruhen in Kharkiv und Odesa zu vermeiden, ganz zu schweigen von den anderen russischsprachigen Gebieten, in denen es ruhig geblieben ist: Dnipropetrovsk, Mykolayiv, Kherson und Zaporizhzhya. Auch in diesen Gebieten wurde der gestürzte Präsident Yanukovych mehrheitlich unterstützt. Eine Tatsache, die untergeht: Die seit Februar 2014 so unterdrückten Gebiete des Ostens hatten 2010 die Grundlagen dafür geschaffen, dass die von ihnen bevorzugten Volksvertreter und Parteigänger des Präsidenten Yanukovych drei Jahre lang Zeit hatten, mehrere Milliarden beiseite zu schaffen und das Land praktisch in den Bankrott zu treiben.

Die Grafik zeigt, dass sich die Besetzungen von öffentlichen Gebäuden bisher auf Gebiete konzentrieren, in denen der ehemalige Präsident und seine Partei der Regionen die meiste Unterstützung genossen haben. Dies wirft auch Fragen auf, inwieweit seine frühere Regierungsmannschaft in die Ereignisse involviert ist. Eine Frage, die eine genaue Analyse erfordert und bisher nur von wenigen Medien thematisiert worden ist. Unter anderem geht es um den Einfluss der ehemaligen rechten Hand Yanukovychs Ivanyushenko oder des Donetsker Oligarchen Rinat Akhmetov. Oder auch um die interessante Tatsache, dass der Sohn des ehemaligen russlandorientieren Ministerpräsidenten Azarov Parlamentsabgeordneter für Sloviansk war. Ohne ihre – finanzielle oder auch stillschweigende – Unterstützung wäre die Situation in einigen Orten nicht so eskaliert und eine Abstimmung über einen Alleingang der Gebiete Luhansk und Donetsk nicht zustande gekommen.

Interessant waren auch die Medienberichte zu den Abstimmungen von letztem Wochenende: Nirgendwo wurde sie in erster Linie als Farce behandelt, die man angesichts der nichtexistierenden Formalitäten eher als absurde Theatervorstellung und nicht als politisches Faktum behandeln sollte. Auch fand kein Medium den Mut, die Berichterstattung zu boykottieren.

Es liegt auch an einer mangelnden Reflexion, dass praktisch keinem Korrespondenten oder auch Politiker auffällt, dass er sich selbst zu einem Instrument der russischen Propaganda macht. Dazu kommen westliche Werte, die nicht hinterfragt werden können, und zusätzlich geschickt von russischer Seite ins Spiel gebracht werden, um eine solche Reflexion zu erschweren: Wunsch nach Selbstbestimmung, das Referendum als das Mittel der Demokratie, das Postulat, das alle betroffenen Parteien am Verhandlungstisch sitzen müssen.

So geht die Saat auf, und es entsteht allgemein ein Bild von Zerrissenheit und von einem zerfallenden Land. Und für viele Menschen im In- und Ausland erscheint das (nicht nur russische) Argument logisch, dass man den ukrainischen Staat aufspalten müsse – notfalls auch mit militärischer Gewalt. Und es erscheint auch logisch, dass diese Gewalt nötig sei, da sie weiterer Gewalt vorbeuge (personifiziert durch die ca. 75.000 russischen Truppen an den ukrainischen Grenzen).

Auf diese Weise wird auch Druck der Politik gegenüber aufgebaut: Denn auch die Politik ist schnelllebig und auf die Medien angewiesen, um sich ein Bild zu machen bzw. auf das in die Gesellschaft transponierte Medienbild einer unfähigen Regierung und einer von Gewalt dominierten (Ost-)Ukraine zu reagieren. Folgen davon sind zum Beispiel eine direkte Verhandlung der OSZE mit dem russischen Präsidenten ohne Beteiligung der Ukraine und auch die Forderung, dass man den Terroristen einen Platz am Verhandlungstisch bieten solle (ein Beitrag dazu hier). Allgemein werden diese immer noch als Separatisten bezeichnet – angesichts der Tatsache, dass diese über schwere Waffen verfügen und professionelle Scharfschützen einsetzen, Kritiker brutal zum Schweigen bringen, Geiseln genommen haben sowie zu menschlichen Schutzschildern greifen, fragt man sich, was es noch braucht, um diese als Terroristen zu bezeichnen. Und man fragt sich, was es noch braucht, bevor man sich der Tatsache stellt, dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führt.

 

 

 

 

 

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