„Wierzę w dobrą Polskę, wierzę w siłę tej dobrej Polski”

Nachruf auf den grossen polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki (1927-2013). In seinem Leben spiegeln sich die wichtigsten Etappen der polnischen Nachkriegsgeschichte wieder – sein Beitrag zur Geschlossenheit der Opposition und zum Fall des Kommunismus in Polen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Frühling 1955: Tadeusz Mazowiecki ist ein junger national-katholischer Aktivist der PAX. Die PAX ist eine sekulär-katholische Organisation und kollaboriert mit den Kommunisten. 1953 hatte sie einen Schauprozess gegen vier polnische Priester der Krakauer Kurie unterstützt. Mazowiecki wirft dem Vorsitzenden zu viel Loyalität der Regierung gegenüber vor, überdies führe er die PAX autoritär. Mazowiecki muss die PAX verlassen. Daraufhin entsteht der von Kommunisten unabhängige Klub der Katholischen Intelligenz. 1958 gründet Mazowiecki, der zeitlebens publizistisch tätig sein wird, die katholische Monatszeitschrift „Więź“ (Bande). Er wird bis 1981 ihr Chefredakteur sein. Seine Zeitschrift setzt sich unter anderem für ein offenes Weltbild des Katholizismus und die polnisch-deutsche Verständigung ein (keine Selbstverständlichkeit: Mazowieckis Bruder wurde von der deutschen Besatzungsmacht 1944 im KZ Stutthof bei Danzig ermordet).

1961: Mazowiecki wird für die katholische Bewegung „Znak“ (Zeichen) in das polnische Parlament gewählt und leitet dort die Opposition gegen die Invasion der (auch polnischen) Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei 1968.

Dezember 1970: Eine Lebensmittelpreiserhöhung wird angekündigt – Die Werftarbeiter in Danzig treten in den Ausstand. Infolge eines Armeeeinsatzes kommt es zu Dutzenden von Toten. Mazowiecki drängt erfolglos zu einer Untersuchung. Er wird darauf nicht in das Parlament wiedergewählt und setzt sich im folgenden ausserhalb der offiziellen Strukturen für einen Annäherung polnischer Intellektueller und der Arbeiterbewegung ein.

1976 fordert er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die polnischen Machthaber zu einer Demokratisierung auf. Stattdessen erhöhen sie die Lebensmittelpreise drastisch.

Mai 1977: Hungerstreik in der Kirche des Heiligen Martin zur Unterstützung der Teilnehmer an den Protesten in Radom und Ursus vom Juni 1976 und gegen die Verfolgung der Bürgerrechtsgruppe KOR, des Komittes zur Verteidigung der Arbeiter. Mazowiecki ist der Sprecher der Teilnehmenden des Hungerstreiks. Obwohl er damit seine Zeitschrift „Więz“ gefährdet.

Sommer 1980: Er initiiert den „Appel“ von 64 Intellektuellen, die sich mit streikenden Arbeitern in Danzig und der polnischen Ostseeküste solidarisieren. Er wird Anführer der Expertenkommission des Streikkomitees und Berater des Anführers der Streikenden in der Danziger Werft, Lech Wałęsa.

Das Abkommen vom 31. August mit den kommunistischen Machthabern beendet den Streik und wird wesentlich von Mazowiecki beeinflusst. Auf seiner Grundlage können unabhängige Gewerkschaften gegründet werden – und sie haben das Recht zu streiken. Im September wird die Gewerkschaft Solidarność gegründet.

13. Dezember 1981: Solidarność hat immer mehr Anhänger, die Streiks im Land häufen sich. Die  kommunistischen Machthaber fühlen sich bedroht, eine Intervention der Warschauer Pakttruppen ist möglich. General Wojciech Jaruzelski ruft das Kriegsrecht aus. Solidarność und ähnliche Organisationen sind nun illegal. Mazowiecki wird für ein Jahr interniert.

Februar 1988: Das Land ist kurz vor dem Wirtschaftskollaps, die Lage noch schlimmer als 1980. Aufgrund von Preiserhöhungen für Lebensmittel kommt es ab April zu ständigen Streiks – auch in Danzig im Mai. Lech Wałęsa und Tadeusz Mazowiecki koordinieren diesen. Ein weiterer Streik folgt im August. Die Kommunisten müssen nun einlenken, zu gross sind die Proteste. Die Gewerkschaft Solidarität und die Kommunisten sitzen zusammen an einem Tisch und verhandeln über die Zukunft. Kardinal Jozef Glemp ernennt Mazowiecki als Vermittler. Er versteht sich weiterhin als Vermittler zwischen dem katholischen Polen und dem Polen der „Solidarität“.

Juni 1989: Die ersten halbwegs demokratischen Wahlen in Polen seit 1938: die Solidarität gewinnt praktisch alle Sitze im Parlament und Senat, für die sie antreten kann und bildet sogar die Regierung. Tadeusz Mazowiecki wird Ministerpräsident, sein Lohn dafür, dass er wesentlich zum Fall des kommunistischen Systems mitbeigetragen hat. Er hat es geschafft, eine Brücke zu schlagen zwischen katholischen Kreisen, Intellektuellen und Arbeitern. Nun wird er auch eine Brücke zu den Kommunisten schlagen. Der Wandel zu einem demokratischen System wird unter Beteiligung aller Polen geschehen, auch den mehr als zwei Millionen Mitgliedern der Polnischen Kommunistischen Partei. Es wird keine Hexenjagd geben.

Interview von 2011 zur polnischen Politik und Interview zum Verhältnis Staat-Kirche in Polen

Nachruf der Gazeta Wyborcza, der New York Times und des Spiegels.

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